Namen, Adressbücher und eine Auswanderung
Nachdem die Unterlagen aus dem Belgien-Paket geordnet und die ersten Namen notiert waren, machten wir uns an eine Aufgabe, die uns schnell in ihren Bann zog: die vermutete Fluchtroute der Familie nachzubilden. Zeile für Zeile lasen wir Evas Erinnerungen erneut, diesmal mit anderen Augen – nicht mehr fassungslos, sondern suchend, nach jedem Ortsnamen, jeder Zeitangabe, jedem Detail, das sich zu einem Weg zusammenfügen ließe.
Die Flucht hatte im Februar 1945 in Strobehnen begonnen. Über das Frische Haff, dann weiter zum Großen Werder. Im März erreichte der Treck die Frische Nehrung, bevor es weiterging – vorbei an einer Mühle, deren Name sich bis heute nicht mit letzter Sicherheit klären lässt: Kammstein oder Kammscheid, die Quellen sind sich uneinig – weiter nach Großlinde. Zwischen April und Mai folgten fünf Wochen zu Fuß, über Mewe und Marienwerder, zurück in die Heimat, die längst keine Heimat mehr war. In dieser Zeit verschwand Kurt für eine Weile – verschleppt, wie es in den Aufzeichnungen hieß – bis er, kaum vierzehn, wieder zur Familie zurückfand. Im Sommer 1945 schließlich Preußisch Eylau, ein vorläufiges Ende einer Odyssee, die auf dem Papier nur ein paar Zeilen brauchte und in Wirklichkeit ein ganzes Leben verändert hatte.
Mit dieser Route vor Augen begannen wir, systematisch alle Namen herauszufiltern, die in den Dokumenten auftauchten, und sie in den ersten großen digitalen Archiven zu suchen: Archion, das Bundesarchiv, dazu alles an historischen Datenbanken, das sich im Netz auftreiben ließ. Stundenlanges Scrollen durch Kirchenbücher und Karteikarten, durch Einträge, die oft nichts mit unserer Geschichte zu tun hatten – und trotzdem musste jeder einzelne geprüft werden, denn man wusste nie, welcher der richtige war.
Da der väterliche Zweig der Familie wohl aus der Region Aachen stammte, verlegten wir unsere Suche dorthin und wälzten alte Adressbücher der Stadt, Jahrgang für Jahrgang, Seite für Seite. Und dann, mitten in einer dieser endlosen Listen aus Straßennamen und Berufsbezeichnungen: ein Treffer. Ein Onkel, samt Ehefrau, verzeichnet mit Adresse und Beruf – und wenig später die Aufzeichnung, die uns innehalten ließ. Er war ausgewandert, in den 1950er-Jahren, nach Brasilien.
Es war kein Peter. Aber es war ein Beweis: dass diese Familie sich nach dem Krieg über den ganzen Globus verstreut hatte, dass Namen in Registern tatsächlich zu Menschen führen konnten – und dass es sich lohnte, weiterzusuchen.