Spurensuche in sächsischen Archiven
Während wir uns durch Ostpreußen tasteten, öffnete sich parallel eine zweite Tür – digital, aber nicht weniger ergiebig. Jenny hatte längst begonnen, auf Ancestry einen eigenen Stammbaum aufzubauen, und was dort langsam Gestalt annahm, ließ uns beide staunen. Zum ersten Mal fügten sich Namen zu einem Bild zusammen, das mehr war als lose Fäden.
Im Zentrum stand Henriette Krause, die mit achtzig Jahren auf der Flucht starb. Sie war die Witwe eines Mannes namens Krause, der vermutlich als Soldat der preußischen Armee im Ersten Weltkrieg gefallen war – eine Generation Verlust, die der nächsten längst vorausgegangen war, bevor der Zweite Weltkrieg noch einmal alles zerriss. Henriette hatte drei Kinder: Rosa, Marie und Otto. Bei Otto stand schon das erste Fragezeichen in unserer Liste, denn er trug plötzlich den Nachnamen Sauer – ein Bruch, den wir uns noch nicht erklären konnten. Rosa heiratete einen Mann namens Petter und bekam drei Kinder: Frieda, Kurt und Eva – dieselbe Eva, deren handschriftliche Erinnerung uns am Anfang dieser Suche so tief bewegt hatte. Marie wollte heiraten, erkrankte jedoch an Kinderlähmung und brachte ihr Kind vermutlich in genau jenem Krankenhaus zur Welt, in dem sie behandelt wurde. Weil Marie dort blieb, wuchs ihre Tochter Minna bei Rosa auf. Und Frieda schließlich heiratete einen Paul Jüttemann. Ihre beiden Kinder: Reinhard und Peter.
Mit diesem Bild vor Augen richteten wir unsere Anfragen gezielt an die großen sächsischen Archive: das Hauptstaatsarchiv und das Stadtarchiv Dresden. Vom Hauptstaatsarchiv kam prompt der erste entscheidende Hinweis – ein echter Durchbruch. Ein historisches Dokument belegte den Transport 4881, von Eggesin nach Bischofswerda. Zwei Namen auf einer Liste, die plötzlich nicht mehr nur Erinnerung, sondern Aktenzeichen waren.
Da zwei Kinder aus diesem Transport unterwegs ins Krankenhaus gemusst hatten, wandten wir uns an das Stadtarchiv Bautzen. Die Antwort kam überraschend schnell: Dokumente zum Krankenhaus selbst gab es dort nicht mehr, man verwies uns an den Archivverbund weiter. Doch die Archivare hatten der Antwort etwas beigelegt, das uns beide für einen Moment den Atem anhalten ließ – die Kopie einer historischen Kinderkartei.
Und dann, beim Lesen, die Verwirrung. Der dort erfasste Vorname lautete nicht Reinhard, sondern Reinhold. Alle anderen Eckdaten aber – das Geburtsdatum, der Eintrag zum Kinderheim in der Dresdner Radeberger Straße – stimmten exakt überein, bis ins letzte Detail. Hatte sich hier, achtzig Jahre zuvor, ein simpler Übertragungsfehler eingeschlichen? Eine Verschreibung, ein Hörfehler, eine Verwechslung zweier ähnlicher Namen? Oder verbarg sich hinter diesem einen Buchstaben etwas, das wir erst noch verstehen mussten?
Am 30. Juli fuhren wir schließlich persönlich nach Dresden, ins Stadtarchiv, in der Hoffnung, dort endlich Klarheit zu finden. Doch die Akten aus jener Zeit lagen, wie man uns mitteilte, noch immer beim Jugendamt – unerreichbar für uns, zumindest an diesem Tag.