Zwei Identitäten und ein Fund im Arolsen-Archiv
Der Rückschlag im Dresdner Stadtarchiv wog schwerer, als wir zunächst dachten. Die Einsicht in Reinhards Pflegeakte, auf die wir gehofft hatten, blieb uns verwehrt – eine Aufbewahrungsfrist, die sogenannte Jahresregel, hielt die Unterlagen weiterhin unter Verschluss beim Jugendamt. Wieder eine Tür, die sich vor uns schloss, kaum dass wir die Hand auf die Klinke gelegt hatten.
Also suchten wir Umwege. Über ein Bildarchiv stießen wir auf einen Fotografen, der in den Nachkriegsjahren in Eggesin fotografiert hatte – ausgerechnet dort, wo der Transport 4881 begonnen hatte. Für einen Moment glaubten wir, ein Fenster in die Vergangenheit gefunden zu haben. Doch die Ernüchterung kam schnell: Von Tausenden Aufnahmen waren nur vier öffentlich zugänglich, und keines der Bilder brachte uns auch nur einen Schritt weiter.
Dann, endlich, eine Email aus Bautzen: die Kopie der Kinderkartei vom Transport 4881, und daran geheftet, fast beiläufig, eine Meldekartei der Pflegefamilie. Zum ersten Mal ließ sich Reinhards Weg lückenlos nachzeichnen. Im November 1947 war er im Quarantänelager Bischofswerda angekommen, sechs Wochen dort geblieben. Im Januar 1948 dann die Verlegung ins städtische Waisenhaus in der Dresdner Radeberger Straße – und am 17. Januar schließlich die Anmeldung bei einer Pflegefamilie, fein säuberlich im Einwohnermeldeamt vermerkt. Ein Junge, der binnen weniger Wochen durch drei Institutionen gereicht worden war, bevor er irgendwo ankam, das sich Zuhause nennen ließ.
Es war ein Etappensieg. Aber Peter fehlte weiterhin in jeder Zeile.
Parallel dazu kam vom Hauptstaatsarchiv Dresden ein Transportbericht, den wir mit wachsender Beklemmung lasen. Nichts darin verhieß etwas Gutes, auch wenn kein Satz Peters Namen trug – es war die Art von Dokument, die eher zeigte, wie viele Kinder auf solchen Transporten verlorengingen, als dass sie Hoffnung machte.
Und dann verdichtete sich das Bild noch einmal, auf eine Weise, die uns zunächst mehr verwirrte als weiterhalf. Im Internet, mit den Daten zum Transport 4881 in der Hand, stießen wir auf historische Aufnahmen – und auf zwei völlig unterschiedliche Familienzweige, die denselben Nachnamen trugen und in denen jeweils ein Karl auftauchte. Einer in Aachen, einer in Königsberg. Aus den mündlichen Familienüberlieferungen wussten wir: Karl war Architekt gewesen, Vater von drei Kindern. Doch als wir im Arolsen-Archiv ein Dokument aus dem Konzentrationslager Dachau fanden, das exakt diesen Karl auflistete, stand dort nur ein einziges eingetragenes Kind. Eine Verwechslung zweier Männer mit demselben Namen? Oder verschwieg die Akte etwas – vielleicht aus Gründen, die wir erst noch verstehen mussten?
Während die schriftlichen Anfragen bei den Behörden weiterliefen und wir auf Antworten warteten, die sich Wochen Zeit ließen, nutzten wir die Pause, um systematisch nach Personen aus den Linien W., K. und P.-J. zu suchen. Und in diesen Tagen reifte in uns derselbe Gedanke, den keiner zuerst aussprechen wollte: Es war Zeit, Reinhards Stiefbruder aufzusuchen. Vielleicht trug er in sich, was keine Akte mehr hergeben konnte.