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Das Erbe des Namenswirrwarrs

Wir machten uns auf den Weg, um den Stiefbruder zu besuchen – die erste Begegnung, von der wir uns endlich mündliche Erinnerungen erhofften, jenseits von Akten und Karteikarten. Doch vor Ort bat man uns höflich, an einem anderen Tag wiederzukommen; der Zeitpunkt war ungünstig. Wir hinterließen unsere Telefonnummer und die Hoffnung auf eine Rückmeldung, die noch ausstand.

Kurz darauf erreichte uns erneut Post vom Hauptstaatsarchiv, und diesmal war sie umfangreich: Es gab tatsächlich ausführliche Unterlagen zum Transport. Der Seitenumfang jedoch war so enorm, dass eine Einsicht nur über eine kostenpflichtige Reproduktion möglich war – ein weiterer Schritt, der Geduld und Geld kostete, bevor wir überhaupt wussten, ob sich das Warten lohnen würde.

Also griff ich zum Telefon. Im Gespräch mit der zuständigen Archivarin ging es vor allem um das Namensrätsel, das uns seit Wochen nicht losließ: Weder „Reinhold“ noch „Reinhard“ tauchten in den Transportlisten mit dem gesuchten Familiennamen auf. Aus unserer bisherigen Recherche wussten wir längst, woran das lag – die sowjetischen Besatzungsorgane hatten große Mühe mit deutschen Vornamen gehabt, aus Peter wurde in den Listen mitunter Pjoter oder eine ähnliche phonetische Abwandlung. Ich bat die Archivarin, die Listen noch einmal mit allen erdenklichen Schreibweisen durchzugehen – und vor allem, den Familiennamen zu ermitteln, der bei „Reinhold“ verzeichnet stand.

Was sie mir daraufhin erzählte, und was die historischen Transportberichte später bestätigten, zeichnete ein Bild von einem Chaos, das größer war, als wir es uns hätten vorstellen können. Der Zug war in Dresden gestartet, mit Helfern und zwei Ärzten an Bord – doch nicht alle, die eingeplant waren, erschienen tatsächlich. Auch der Übersetzer fehlte. Oben in Eggesin dann ein Bild, das die Archivarin selbst als erschütternd beschrieb: Angekündigt waren 900 Kinder gewesen, angekommen waren über 1300. Es war die Zeit, in der die sowjetischen Behörden systematisch die sogenannten Wolfskinder einsammelten und in die SBZ schickten – Kinder, die allein, elternlos, durch die Nachkriegswirren irrten. Man diskutierte vor Ort, was zu tun sei. Sollten wirklich alle mitgenommen werden, obwohl der nächste Transport doch ohnehin bald folgen würde? Manche der Kinder waren krank, zwei sogar nicht transportfähig. Erst als sich ein Minister persönlich einschaltete, fiel die Entscheidung: Es sollten alle mitgenommen werden.

Doch auch das brachte neue Probleme. Die Verpflegung war zu früh ausgeteilt worden, und die Kinder, ausgehungert von der langen Wartezeit, verschlangen sie hastig – sodass später, während der eigentlichen Fahrt, improvisiert werden musste. Eine Suppe, die man ihnen davor gegeben hatte, führte bei vielen zu Durchfall. Und die Listen, auf denen all diese Kinder erfasst wurden, waren auf Russisch verfasst – Geschwister standen dabei stets untereinander, eine kleine Systematik inmitten des Chaos. Während der Fahrt wurden die Namen hastig von den Helfern übersetzt, weil der eigentliche Schreiber fehlte. Fehler, die sich unter diesen Umständen zwangsläufig einschlichen und sich achtzig Jahre später zu einem Rätsel auswuchsen, das wir nun zu entwirren versuchten.

In Bischofswerda schließlich kamen zwei Kinder ins Krankenhaus – und für einen Moment keimte in uns dieselbe Hoffnung auf. Reinhard hatte seiner Tochter einmal erzählt, sein Bruder habe auf der Flucht an Ruhr gelitten. Konnte eines dieser beiden kranken Kinder Peter gewesen sein? Doch auf der Liste, die wir vor uns hatten, stand plötzlich nur der Name Reinhold. Nicht Reinhard. Und die freundliche Archivarin aus Dresden hatte uns bereits vorab geschrieben, dass sie diesen Reinhold zwar in der Transportliste finde – jedoch nicht in Verbindung mit dem Namen Jüttemann.

Genau deshalb hatte ich beschlossen, anzurufen. Um sie, ganz direkt, um den Familiennamen zu bitten, der dort tatsächlich stand.

Die Suche geht weiter…

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