Es gibt Wochen auf dieser Suche, in denen viel passiert und am Ende doch das Gefühl bleibt: eigentlich nichts. Dieses Kapitel ist so eine Wochen-Sammlung geworden — ein Geflecht aus Absagen und Umwegen, an dessen Ende sich trotzdem etwas Neues auftat.
Den Anfang machte eine Absage, mit der wir fast gerechnet hatten und die trotzdem schmerzte: Das Familiengericht teilte uns mit, dass ein Großteil der relevanten Akten einer Flut zum Opfer gefallen war. Jahrzehnte an Papier, einfach fortgespült. Ein kleiner Hoffnungsschimmer blieb: Im Hauptarchiv könnte eventuell noch etwas liegen. Eventuell — das Wort, das uns auf dieser Suche inzwischen so vertraut war wie kein zweites.
Dann kam ein russisches Findebuch in unsere Hände. Ich übersetzte es Seite für Seite, Eintrag für Eintrag — und fand genau die Akte, die wir brauchten: den Waisenkindertransport. Für einen Moment war die Erleichterung grenzenlos. Doch die Kontaktaufnahme mit dem zuständigen Archiv, der GALAK, erwies sich als eigene Hürde: Westliche IP-Adressen werden dort blockiert. Wir arbeiten an einer Lösung — aber auch das brauchte erst einmal nur: Zeit.
Der Weg führte uns weiter zu FamilySearch. Mit einer Liste relevanter Dokumente in der Hand versuchten wir es auf jedem erdenklichen Weg — erst telefonisch, dann eine schriftliche Anfrage per Mail, zum Schluss sogar ein persönlicher Besuch vor Ort. Das Ergebnis: nichts. Keine Antwort, kein Kontakt, nicht einmal die Möglichkeit, im Center selbst nach dem passenden Film zu suchen.
Zwischen all den Absagen begannen wir, im Internet nach Menschen zu suchen, die sich mit derselben Familiengeschichte beschäftigten. Wir fanden Andreas, der auf seiner eigenen Webseite einen umfangreichen Stammbaum veröffentlicht hatte. Ein mutiges Telefonat folgte — und Andreas reagierte positiv. Er nannte uns den Kontakt eines Freundes, der selbst über die Transporte aus Eggesin recherchiert hatte, und bat darum, zu erfahren, sollten wir finden, wonach wir suchten.
Wir schrieben diesem Kontakt eine E-Mail. Die Antwort kam, positiv im Ton, doch ohne neue Türen: Er konnte uns nicht direkt weiterhelfen, nannte uns stattdessen nur Ansprechpartner, die wir längst kannten — das Archiv des Landratsamts Bautzen, wieder und wieder.
Und dann, fast beiläufig, ein Kontakt, der sich als wichtiges Kapitel herausstellen sollte: ein Herr Z., der ebenfalls einen umfangreichen Jüttemann-Stammbaum besaß. Nur — er lag in Thüringen. Unsere Familie Jüttemann hatte sich, soweit wir wussten, im Ruhrgebiet bewegt. Zwei Stammbäume, zwei Regionen, scheinbar zwei verschiedene Geschichten. Wir waren zunächst ratlos.
Die Lösung kam, wie so oft bei uns, ganz pragmatisch: Wir schrieben beide Stammbäume auf ein Flipchart. Nebeneinander, Linie für Linie. Und plötzlich tat sich eine ganz neue Welt auf. Die beiden Bäume passten zusammen, ergänzten sich, schlossen Lücken, die wir seit Monaten offen hatten — auch wenn bei Weitem noch nicht alles geklärt war.
In der gleichen Zeit schrieben wir unzählige weitere E-Mails, auch an das polnische Archiv, diesmal sogar auf Polnisch. Dann wurde es still. Eine Stille, die man aushalten lernen muss, wenn man so sucht wie wir.